"Kleiner Mutmacher" Archiv

So 05.04.2020 | Konfirmation | Pfarrer Michael Sonnenstatter
Foto der Aktion konfisteilenbibel
Bildrechte: privat

Palmsonntag - in der Bayreuther Altstadt ist es der Tag, an dem seit Generationen die Jugend konfirmiert wird. Das war hier schon immer so. Palmsonntag ist Konfirmation. Auch 2020 hätte das so sein sollen, an diesem Wochenende, bei strahlendem Sonnenschein. Am Samstag hätten wir den Beichtgottesdienst gefeiert und das Heilige Abendmahl. Die Konfirmandinnen im Kleid, die Konfirmanden im Anzug, weil da auch schon das Gruppenfoto gemacht wird.
Wie immer wären die Jugendlichen recht aufgeregt gewesen – immerhin stehen die meisten von ihnen bei der Konfirmation zum ersten Mal im Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Der Posaunenchor hätte gespielt, der Kirchenchor hätte gesungen: Es wäre ein festlicher Gottesdienst geworden. Die Kirche wäre mit über 500 erwarteten Gästen mal wieder richtig voll gewesen. Nicht zu vergessen die Familienfeiern danach, mit gutem Essen und Geschenken für die frisch Konfirmierten.

Es ist anders gekommen. Unvorstellbar anders. Ein Virus hat die Welt im Griff und zwingt die Menschheit zu radikalen Maßnahmen, zu „Social Distancing“ als Infektionskontrolle, um die Ausbreitung von Covid-19 zu verlangsamen. Gottesdienste und Familienfeste aber sind das Gegenteil von "Social Distancing". Denn da geht um Gemeinschaft, um Miteinander und um Nähe. Deshalb kann es unter diesen Umständen keine Konfirmation geben.

Ich habe "meinen" Konfis gestern einen Brief geschrieben und sie an ihren Konfirmationsspruch erinnert. Sie haben sich ihr Bibelwort auf der Konfi-Freizeit ausgesucht und mit dem Hashtag #konfisteilenbibel auf Instagram gepostet. Es sind ihre persönlichen Mutmach-Worte. Jedes Bibelwort ein „Kleiner Mutmacher“, wie der von Laura und Tyler: "Behüte mich wie einen Augapfel im Auge, beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel." (Psalm 17,8)

Das wünsche ich meinen Konfis - bis ich sie wiedersehe und wir ihre Konfirmation dann doch noch feiern können. "Behüte mich...beschirme mich...". Das wünsche ich uns allen.


Sa 04.04.2020 / Herdenimmunität / Pfarrer Ekkehard de Fallois
Drei Schafe
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Jesus Christus spricht: Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt; und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. (Johannes 10, 14-15)

Im großen Internetlexikon Wikipedia lese ich dazu: "Herdenimmunität bezeichnet eine indirekte Form des Schutzes vor einer ansteckenden Krankheit, die auftritt, wenn ein hoher Prozentsatz einer Population immun wurde - sei es durch Infektion oder durch Impfung - sodass ein erhöhter Schutz auch für die nicht-immunen Individuen entsteht."

Es ist ja interessant, mit welchen Phänomenen wir uns in Corona-Zeiten beschäftigen und auseinanderzusetzen haben. Wir lernen täglich dazu. Sonderlich schmeichelhaft ist das freilich nicht, wenn die Menschheit hier zur "Herde" degradiert wird. Das klingt nach mittrotten und hinterhertrotten, wo wir doch sonst auf unseren Individualismus, auf Konsum und Reiselust und auf alle unsere Freiheiten so stolz sind. Eine Herde von dumpfen, hilflosen Schafen, die nur am Fressen interessiert sind, und die in Corona-Zeiten nicht einmal als Herde existieren dürfen, sondern mit Kontaktverbot belegt in ihren Ställen hausen und vor sich hinvegetieren. Stellt sich da nicht ganz automatisch die Frage nach dem Hirten? Führt die Herdenimmunität auch zur Immunität gegenüber ihrem Hirten? Unsere Gesellschaft hat vor Corona überwiegend so gelebt, als ob es kein Morgen, als ob es keinen Gott, als ob es keinen guten Hirten gäbe. Und sie wird es wohl auch danach wieder tun. Und trotzdem bin ich gerade in diesen Tagen heilfroh, dass ich mich im dunklen Tal der steigenden Corona-Fallzahlen, der Todesnachrichten und Hiobsbotschaften einem guten Hirten anvertrauen kann, "der mich wohl weiß zu bewirten, der mich liebet, der mich kennt und bei meinem Namen nennt" (EG 593.1 Weil ich Jesu Schäflein bin).

Dieses Vertrauen wünsch’ ich euch und ich wünsch’ es unserer ganzen Gesellschaft, das Urvertrauen ins Leben und in den, der es liebevoll in seinen Händen hält. Holt es euch doch einmal aus der Zeit eurer Kindheit und Konfirmandenzeit hervor, das Urgebet des Vertrauens, das Gebet vom guten Hirten, den 23. Psalm: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln...


Fr 03.04.2020 |  Engel der Aufmunterung | Pfarrer Martin Gundermann
Munschutz beim Ostereinkauf
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Was muntert Sie in dieser Zeit auf, in der es nur ein Thema zu geben scheint? Die Coronakrise und ihre Folgen.

Jeden Abend verfolgen wir wie gebannt im Fernsehen die xte Spezialsendung, hören aus anderen Ländern, was Angehörige und Trauernde durchleiden müssen.
Ja, es sind schlimme Zeiten – und keine und keiner von uns hat je etwas Vergleichbares erlebt. Selbst über 90jährigen fällt kein vergleichbares Szenario in ihrem Leben ein, wenn wir beim Geburtstagsanruf auf dieses Thema zu sprechen kommen.

Aber einen kleinen Trost gibt es doch, finde ich.
Und der heißt: Niemand muss jetzt stark sein. Niemand muss so tun, als ob er alles im Griff hat. Wir dürfen alle hilflos sein, ratlos, wie es weitergeht – sogar schwach.
Kein anderer Mensch kann von uns noch erwarten, dass wir immer alles können und alles regeln oder schaffen und immer einen guten Plan auf Lager haben für jetzt und für das, was kommt.
Wir wissen vieles einfach nicht. Wir müssen lernen, von heute auf morgen zu leben, und müssen nicht stark sein, auch nicht überlegen.

Das ist tröstlich, finde ich. Gerade, weil es uns allen so geht.
Die wenigen Menschen, denen man draußen noch begegnet, schauen sich scheu an, lächeln, drehen sich wieder weg und gehen auf Abstand – als wollten sie uns sagen:
Ich weiß es doch auch nicht; aber ich muss ja …!
Wie lange wird das noch so gehen? fragen sich alle. Welche Einschränkungen kommen noch?
Haben wir genug Disziplin gegenüber anderen, den Kindern, die sehnsüchtig zu ihren Freunden jenseits des Zauns blicken, den Alten – und natürlich auch gegenüber uns selbst?
Wir wissen es nicht. Wir können es nicht wissen.
Wir sind zu einer Gemeinschaft aus Hilflosen und Ratlosen geworden.

Einer Gemeinschaft, in der sich Menschen mit viele kleine Gesten helfen, die gedrückte Stimmung auszuhalten.
„Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“, schreibt der Apostel Paulus an seine Gemeinde.
Das wird jetzt täglich neu durchbuchstabiert: Von der freundlichen Kassiererin über das Balkonsingen und studentische Hilfsangebote bis zu denen, die andere versorgen und pflegen.
Dazu gehören aber auch die, die andere aufmuntern – meistens leise, fast scheu, aber irgendwie verschmitzt.
Wie die alte Frau im Supermarkt vor ein paar Tagen. Alle, die einkaufen, stehen in gehörigem Abstand voneinander vor der Kasse. Die Kassiererin selbst ist durch die Plastikscheibe geschützt.
Da sagt die alte Frau plötzlich, hörbar seufzend:
Jetzt bin ich doch schon so alt geworden – und trage dieses Ding hier vor Mund und Nase.
Sie meint ihren Mundschutz und zeigt auch mit ihrer Hand darauf.
Als sich dann alle zu ihr umdrehen, sagt sie:
Und wisst Ihr was? Ich will noch älter werden; und Ihr alle mit mir.
Ein Lachen der Erleichterung geht durch die Reihe. Alle sind aufgemuntert:
Ach Gott, scheinen da alle zu denken – und auch wir seufzen still:

Ach Gott, vieles können wir nicht begreifen.
Aber du mögest uns mehr von solchen Menschen, solchen „Engeln“ schicken,
die ein munteres Herz haben und andere aufmuntern können.

Bleiben Sie Gott befohlen!


Do 02.04.2020 | Hoffnung | Pfarrerin Stefanie Lauterbach
See Genezareth
Bildrechte: dozemode/pixabay

„Die Ruhe vor dem Sturm“ sei das jetzt. So formulierte es Gesundheitsminister Jens Spahn vor wenigen Tagen. Er bezog das auf die Situation im Gesundheitswesen. Noch kämen die Kliniken zurecht. Noch kann aufgestockt werden an Intensivbetten, Beatmungsgeräten, Schutzausrüstung. Das ist richtig und wichtig, um für einen eventuellen Sturm, dessen Stärke im Moment nicht abschätzbar ist, gerüstet zu sein.

„Ruhe vor dem Sturm“ – diese Redewendung macht Angst. Angst vor einer ungewissen Zukunft. Und genau diese Angst ist es, die dazu führt, dass viele Menschen den Sturm schon jetzt erleben – als Sturm in ihrem Inneren. Ein Sturm aus Gedanken und Gefühlen, der mal mehr, mal weniger stark tobt. Ein Ansturm vieler Fragen: „Wie wird es weiter gehen? Können die Kinder nach Ostern wieder in die Schule? Was ist mit dem Abitur meines Enkels? Wie geht es in der Firma weiter? Wann kann ich endlich wieder normal arbeiten? Wann können wir die Großeltern wieder sehen?“

Manchmal kommen solche Fragen in Wellen und schlagen einem regelrecht ins Gesicht. Sie können einen umwerfen, die Sorgen, weil der Boden unserer vermeintlichen Sicherheiten unter uns ins Wanken gerät. Nein, das ist keine Ruhe vor dem Sturm. Das ist Sturm.

Mitten drin in einem Sturm stecken auch die Jünger Jesu. Davon erzählt das Markusevangelium. Auf dem See Genezareth sind sie unterwegs, als er plötzlich losbricht und alle Sicherheiten über Bord gehen. Die Wellen, die auf dem Deck aufprallen stellen ihr bisheriges Leben und ihre Zukunft in Frage. Doch da fällt ihnen ein: Jesus ist doch auch mit an Bord. Und er ist nicht einfach ein unbeteiligter, schlafender Passagier im Boot. Er ist der, dem Wind und Meer gehorsam sind. Zuerst erahnen das die Jünger bestenfalls. Dann erleben sie sie: Die Ruhe nach dem Sturm.

Ruhe nach dem Sturm – davon sind wir noch weit weg. Aber auch in unserem Lebensschiff, das derzeit durch den Sturm segeln muss, ist Jesus mit an Bord. Und das nicht als unbeteiligter Passagier, sondern an unserer Seite. Ich darf ihn bestürmen mit meinen Sorgen und Fragen. Und wenn auch die Ruhe nach dem Sturm noch auf sich warten lässt, so wünsche ich Ihnen eines schon jetzt: Ruhe im Sturm. Immer wieder.


Mi 01.04.2020 | Hoffnung | Stud.theol. Simone Eberle
Puppen Vater und Kind
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Die Hoffnung ist ein seltsames Ding. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Menschen nicht irgendetwas Zukünftiges erhoffen. Banales wie, dass sie den Zug noch erwischen oder Oma sich über den Kuchen freut und Bedeutsames, dass sie ihren Job behalten oder die Ehe lange halten mag. Der Mensch braucht Hoffnung zum Leben, zum Überleben – gerade in schwierigen Zeiten. Die Frage ist jedoch, worauf bezieht sich diese Hoffnung? Worauf gründet sie? Hoffnung braucht als Basis das Gefühl von Geborgenheit, gut im Leben getragen zu sein, sich aufgehoben und wahrgenommen zu fühlen.

Im so vertrauten 23. Psalm steht geschrieben: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele…“ Der Psalmist drückt durch diese Worte sein Gefühl von Geborgenheit aus: von gesehen werden. Von „Ja, da kümmert sich jemand um mich und auf ihn und sein Handeln in meinem Leben darf ich hoffen und vertrauen“.

Hoffnung im tieferen Sinne ist also nicht die Gier nach kurzfristiger Wunscherfüllung, sondern eine Grundhaltung zum Leben, mit all seinen Widrigkeiten. So bewegt sich die Hoffnung weg von der Fixierung auf ein bestimmtes Ziel, hin zu einem grundsätzlichen Vertrauen.

Hoffnung kann aber auch zur Zumutung werden. Nämlich dann, wenn sie zur Verpflichtung wird. Wenn Verzweiflung, Mutlosigkeit und Angst keinen Platz finden. So schreibt der Psalmist weiter: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“ Gott sieht auch die Feinde des Psalmisten, die dunklen Stunden – und sorgt sich dennoch gerade in diesen Zeiten um ihn, um uns.

Mit diesem Vertrauen, in Gott einen Ort der Geborgenheit und einen Grund für Hoffnung und gleichzeitig einen Raum für Fragen und Anklagen zu haben, können wir besonnen durch diese Zeit gehen.


Di 31.03.2020 | Singen befreit | Pfarrerin Friederike Steiner
Gesangbuch
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Gibt es ein bestimmtes Lied, das sich wie ein roter Faden durch Ihr Leben zieht? Ein Lied, das sie immer hören können, ganz egal wie es Ihnen gerade geht: Ob traurig, lustlos und abgekämpft, am Boden zerstört oder voller Glückseligkeit? Ein Lied, dessen Melodie Ihnen Kraft verleiht, Sie aufbaut und Ihnen Mut macht? Ein Lied, dessen Text Sie aufmuntert und neuen Schwung verleiht, Ihnen das Gefühl vermittelt, verstanden zu werden? Kurz, ein Lied, das Sie positiv stimmt, Ihnen Hoffnung macht, Sie nach vorne schauen lässt, es Ihnen nach dem Hören einfach rundherum gut oder zumindest besser ergeht?

„Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden.“ (2. Mose 15,2)

Dieses Loblied (2. Mose 15,1-18) stimmte Mose mit den geretteten Israeliten an, als sie beim Auszug aus der Gefangenschaft in Ägypten wohlbehalten das Schilfmeer durchquert und ihre Verfolger hinter sich gelassen hatten. Immer wieder erklang dieses Lied in ihren Reihen, um sich an dieses Wunder Gottes zu erinnern, um Hoffnung zu schöpfen, um nicht aufzugeben – und es erklingt heute noch.

Eines meiner persönlichen alten „Aufbaulieder“ lautet: „Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 369,1)

Singen und beten Sie getrost Ihr Lieblingslied. Und auch wenn wir derzeit nicht mit anderen gemeinsam in unseren Kirchen singen können, dann singen wir eben allein zuhause vor dem Radio- oder Fernsehgottesdienst oder auch zur Lieblings-CD. Singen befreit!

Übrigens: Mein Enkel hat mir dieser Tage durchs Telefon ein Kinderlied vorgesungen – das hat mich tief berührt. Kinder sind da viel unbefangener als wir Erwachsene. Mal sehn, wem ich heute etwas durchs Telefon vorsinge, vielleicht wird am anderen Ende der Leitung sogar miteingestimmt…


Mo 30.03.2020 | Hände waschen und beten | Pfarrer Dr. Dietrich Rusam
Hände waschen und beten
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Corona – oder Covid-19! Ich merke selbst: Ich gerate in Panik! Die Politiker sprechen von Epidemie oder – noch etwas dramatischer – von einer Pandemie! Die Menschheit geht zugrunde. Eine Katastrophe! Und man fühlt sich so machtlos, hilflos! Da hilft nichts, nur radikale Einschnitte in das gesellschaftliche Leben und die Hoffnung, dass die Biochemiker und Pharmakologen endlich ein wirksames Medikament und/oder einen Impfstoff aus ihrem Giftschränkchen zaubern.

Jesus kann uns da nicht helfen! Oder doch? In der Bergpredigt lese ich die Sätze: „Sorgt euch nicht um euer Leben! Seht die Vögel unter dem Himmel an; sie säen nicht, sie ernten nicht und euer himmlischer Vater ernährt sie doch! Seid ihr nicht viel kostbarer als sie?“

Mit meinen Schülerinnen und Schülern aus der 6. Jahrgangsstufe habe ich in der vorletzten Woche über diese Worte gesprochen und ich habe gestaunt, was sie da von sich aus erkannt haben. Sich die Hände ausgiebig zu waschen und dabei vielleicht ein Vaterunser zu beten, ist schon sinnvoll, denn das ist Vorsorge, dagegen sagt Jesus nichts. Dasselbe gilt für's Abstand halten zu anderen, aber sich immer Sorgen zu machen, so etwas beeinträchtigt das Leben stark, senkt die Lebensqualität, macht klein und schwach!

Deshalb: Corona hin oder her! Seien Sie vorsichtig und beherzigen Sie die Ratschläge der Fachleute. Aber machen Sie sich nicht übermäßig Sorgen! Das macht nur unglücklich! Was auch passiert – ich bin mir gewiss: Auch Sie bleiben in Gottes Hand und behütet!


So 29.03.2020 | Wenn mein Geist in Ängsten ist | Pfarrerin Dr. Angela Hager
Dunkles Fenster
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Vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie mir: Ich lese und höre in diesen Tagen die Worte anderer – biblische Worte, Worte von Dichtern, von Literaten – aufmerksamer als sonst. Ich denke anders darüber nach, wie ich mich und mein Leben in ihnen wiederfinden kann. Heute folge ich den Worten eines Mannes, die als Losung über diesem Sonntag stehen: „Wenn mein Geist in Ängsten ist, so kennst du doch meinen Pfad“ (Psalm 142,4).

Es ist mehr als zwei Jahrtausende her, dass dieser Mann gelebt hat, er war offensichtlich eingekerkert, einsam und verzweifelt. Eine ganz andere Zeit, ein anderer Ort, andere Umstände – und doch erscheinen mir die Worte dieses Mannes gerade heute merkwürdig nah. Denn sein Gebet ist ein Ruf aus der Angst, aus einer Isolation, deren Ausgang ungewiss ist.

Wenig ist über den Mann bekannt, später wurden seine Worte König David zugeschrieben. Warum der Mann inhaftiert war, wissen wir nicht, ebenso wenig, wen er fürchtet; es ist nur sehr allgemein von übermächtigen Verfolgern die Rede. Offensichtlich wird er nicht mehr richtig versorgt, so dass er „sehr schwach“ geworden ist. Und vermutlich bangt er der Antwort auf die Frage entgegen: Wie wird das alles ausgehen? Es gibt wenig, was er seiner Not entgegensetzen kann. Aber eines kann er tun: Er kann beten. Und so betet er, ohne seine Lage schönzureden, er ruft Not und Zweifel heraus – und dann auch sein Vertrauen: „Wenn mein Geist in Ängsten ist, so kennst du doch meinen Pfad“.

Isolation, Angst, ein übermächtiger Verfolger, ein ungewisser Ausgang: Vieles kommt mir bekannt vor in diesen Tagen. Wie der Mann damals kann auch ich wenig daran ändern. Aber eines zeigt mir der Psalmbeter: Etwas kann ich immer tun – ich kann beten. Und das ist viel. Wenn ich bete, beginne ich wieder zu handeln. Ich verleihe meiner Angst eine Sprache, ich trete aus meiner Einsamkeit heraus, ich richte mich wieder auf. Und immer wieder geschieht es, dass ich dabei erlebe, was auch der Mann damals erlebt hat: Dass ich wieder Vertrauen fasse ins Leben. Und in den, der meine Pfade kennt.  


Sa 28.03.2020 | In der Welt habt ihr Angst | Pfarrer Elmar Croner
Bibel auf einer Kirchenbank
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Wir befinden uns dieser Tage in einer völlig undurchschaubaren und ungewohnten Lebenslage. Niemand hat heutzutage mit einer solchen die Welt umspannenden Seuche irgendwann in seinem Leben gerechnet. Die „spanische Grippe“ vor über hundert Jahren erlebte zuletzt eine Generation, die heute bereits von uns gegangen ist. Alles ist jetzt anders. Vertrauteste Begegnungen können nicht mehr wahrgenommen werden, Urlaubsreisen, aber auch Konfirmationen, Taufen und Hochzeiten fallen aus. Wirklich schlimm ist es aber für zahllose Kleinunternehmer in der Dienstleistungsbranche, der Gastronomie und dem Handel – sie wissen nicht, wie sie über die Runden kommen können.

Immer wieder standen Menschen vor schicksalsschweren Veränderungen und Krisen. Die Zeiten, an denen sich die Menschen aufmachten, sich gegenseitig umzubringen, sind in Europa Gott sei Dank vorbei. Aber auch die aktuelle Pandemie hat mit den Katastrophen der früheren Zeit eine Übereinstimmung: Es ist die quälende Unsicherheit, wie lange das Unheil noch andauert.

Ich suche Halt und Trost in der Heiligen Schrift: Auch die Jünger Jesu standen vor dem Nichts, als Jesus ihnen konkret andeutete, dass er möglicherweise bald nicht mehr unter ihnen sein wird. All ihre Hoffnungen auf ein Reich Gottes, getragen von Gerechtigkeit und Nächstenliebe ohne Grenzen schienen zerstört. Zitternd vor Angst fürchteten sie Verfolgung oder gar Tod, ohne dass sich Jesu wunderbare Botschaft durchsetzen konnte. Dieser Angst aber entgegnete unser Heiland mit den Worten: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Johannes 16,33). Im griechischen Urtext ist hier aber nicht von Überwindung, sondern von Sieg die Rede: Der Sieg wird kommen, auch wenn noch eine Zeit des Leidens ansteht. Und tatsächlich breitete sich der Glauben an Jesus als den Sohn Gottes aus, getragen von der großen österlichen Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod.

Können uns diese Worte angesichts von Corona Trost und Zuversicht verleihen? – Ganz bestimmt! Die Geschichte der Christenheit hat gezeigt, dass sie durch Jesus immer wieder auf neue Wege geführt wurden, auf denen sie gut laufen konnten. Gefragt ist Geduld und vor allem Solidarität und Nächstenliebe gegenüber den Kranken, Gefährdeten und wirtschaftlich Betroffenen. Fragen wir uns, wer unserer Hilfe bedarf – auch finanziell. Und lasst uns das Gebet für sie nicht vergessen – in der vollen Überzeugung, dass mit Jesu Hilfe auch dieses Unglück überwunden wird!


Fr 27.03.2020 | Liebe Zeit | Pfarrerin Almut Weisensee
Armbanduhr
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Liebe Zeit!
Du gehst mir auf die Nerven! So oft rennst du mir davon. Ich schaue auf die Uhr und erschrecke: „Schon so spät!“ Ich reiße ein neues Blatt vom Kalender und denke: „Wie schnell die Zeit vergeht!“
So oft rinnst du mir durch die Finger, ich habe einfach morgens noch zu lange gedöst, im Internet gesurft oder vor dem Fernseher gesessen.
So oft dehnst du dich wie Kaugummi, gerade jetzt, wo so viele gewohnte Termine wegfallen: unser Verein, Treffen mit Freunden, Ausflüge und Reisen.
Liebe Zeit, kannst du dich nicht einfach mal normal verhalten? So, dass ich schaffe, ohne zu hetzen, mich entspanne ohne schlechtes Gewissen? So, dass ich weder Stress noch Langeweile habe? So, dass ich die Zeit auskosten kann?
Dein Mensch.

Lieber Mensch!
Ich vergehe nur einfach: 60 Sekunden in der Minute, 60 Minuten in der Stunde, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Es liegt an dir, was du aus mir machst. Zugegeben, ich mache es dir nicht leicht, denn in diesen Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen und Jahren kann so viel passieren. Und du, lieber Mensch, musst es sortieren in wichtig und unwichtig, sinnvoll und unsinnig. Dazu kommt: Deine Mitmenschen sehen das mitunter vielleicht ganz anders.
Nun, vielleicht werde ich mich gerade in diesen Wochen für dich wie Kaugummi dehnen. Dann hast du Zeit. Zeit zum Nachdenken, was du wirklich vermisst von dem, was gerade nicht stattfindet. Zum neuen Sortieren, welche Tätigkeiten der Mensch wirklich braucht. Zum neuen Wahrnehmen deines Biorhythmus. Zum Entdecken neuer Tätigkeiten, die dein Herz erfreuen. Dann wirst du mich vielleicht ganz neu kennen lernen.
Noch etwas: Ein weiser Psalmbeter hat einmal gebetet: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ (Ps. 31,16) Vergiss das nicht. Deine Zeit steht in Gottes Händen. Ob ich in deinen Augen davonrenne, dir zwischen den Fingern zerrinne oder mich dehne wie Kaugummi: Auch ich, deine Zeit, bin Gottes Geschöpf und in seinen Händen. Du darfst deine Zeit Gott anvertrauen. Dur darfst ihn um seinen Geist bitten, damit er dir zeigt, was wichtig ist. Du darfst singen und beten wie in einem Lied von Peter Strauch: „Meine Zeit steht in deinen Händen. Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir. Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden. Gib mir ein festes Herz, mach es fest in dir“ (Meine Zeit steht in deinen Händen, aus: Kommt, atmet auf, Nr. 023).
Gottes Segen wünscht dir deine Zeit.


Do 26.03.2020 | Wir sind der harte Kern | Pfarrer Otto Guggemos
Hände einer alten Frau
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"Wir sind der harte Kern", viel mehr wollte die Altenpflegerin gar nicht sagen. Zu einer Aussegnung war ich im Altenheim. Im Haus war es sehr still, man trug Atemschutz. Flure und Gemeinschaftsräume waren recht leer.

"Wir sind der harte Kern" - die Alten- und die Krankenpfleger, die Ärzte, die jetzt für Menschen da sind, die die Stellung halten - während wir anderen im Home-Office arbeiten, Überstunden abbauen und versuchen, uns nicht anzustecken. Viele Betriebe haben Kurzarbeit, aber hier herrscht tatsächlich Hochkonjunktur. Die zusätzlichen Hygienemaßnahmen kosten Zeit, machen jede Aufgabe langwierig, Unterstützung durch Angehörige fällt weg, etwa beim Füttern oder beim Spazierengehen. Und das schlimmste kommt erst noch, wenn wir in den nächsten Wochen vielleicht wirklich viele Corona-Infektionen bekommen.

"Wir sind der harte Kern." Am Ausgang habe ich eine der Pflegerinnen gefragt, wie es ihr ging. Ich dachte, ich könnte ein Gespräch anfangen, vielleicht ein bisschen Mut zusprechen. Aber sie war schon mutig. Sie sagte nur diesen Satz. Sie sah die wichtige und große Aufgabe, jetzt für unsere Alten da zu sein, und sie hat sie angepackt, weil sie darin ihre Berufung sah.

"Wir sind der harte Kern." Wie viel dieser Satz bedeutet. Es ist auch Stolz darin: Endlich erkennt die Gesellschaft die Bedeutung ihrer Arbeit, einer Profession, die lange als unattraktiv galt. Geringe Gehälter, keine besonderen Aufstiegschancen, dafür Schichtarbeit, hohe psychische und physische Belastung. „Systemrelevant“ heißt das neue Wort für die Aufwertung einer Berufsgruppe.

Ich gehe heim zur Kirche, läute noch das Totenglöcklein, bis unsere Verstorbene auf dem Weg zum Krematorium ist. Und ich bete für die Pflegekräfte in unserem Land, dass sie gesund bleiben, und dass sie endlich die gesellschaftliche Anerkennung bekommen, die sie verdienen: Der harte Kern.

Einen guten und behüteten Tag wünscht Ihnen
Ihr Pfarrer Otto Guggemos

 

Mi 25.03.2020 | Verkündigung des Herrn | Pfarrer Johannes Feldhäuser
Verkündigung an Maria
Bildrechte: Fra Angelico, Museo del Prado

Wir haben den 25. März. Im kirchenjahreszeitlichen Kalender ist das der Gedenktag „Verkündigung des Herrn“: Heute (9 Monate vor Christi Geburtstag!) erinnern wir uns daran, dass der Engel Gabriel zu Maria kam und ihr ankündigte, dass sie von Gott auserwählt ist, den „Sohn des Höchsten“ zur Welt zu bringen (Lukas 1, 26-38).

Nun kann man sagen: „In Ordnung, gut zu wissen - oder auch nicht. Ich persönlich habe aber im Moment durch den Corona-Virus und all den damit verbundenen Einschränkungen ganz andere Probleme!“ Da haben Sie sicher Recht!

Mir selber ist allerdings bei der Auseinandersetzung mit obiger Begebenheit eines ganz neu bewusst geworden: Wie tröstlich ist es doch, dass Gott uns und die Welt nicht allein lässt, sondern uns immer wieder seine Botinnen und Boten, die Engel schickt. Vielleicht kennen Sie den Vers aus Psalm 91, der vielen Babys bewusst als Taufspruch mitgegeben wird: „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Das ist der gleiche Psalm, der so beginnt: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe… Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln... dass du nicht erschrecken musst … vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.“

Diese überirdischen oder menschlichen Engel, die uns helfen, mit unserem Er-schrecken vor der „Seuche“ fertig zu werden, können wir alle im Moment sicher gut brauchen. Ja, wir können diesen „Sohn des Höchsten“ gut brauchen, den der Engel Gabriel ankündigte und der zu Lebzeiten viele Menschen körperlich wie seelisch heilte und ihnen Mut machte!

Ich wünsche Ihnen heute die Stärkung und den Schutz der Engel Gottes. Ich wünsche uns, ganz besonders allen Geängstigten, Kranken und Angeschlagenen, Jesu heilsame und heilende Nähe sowie seinen Segen!

 


Di 24.03.2020 | Jetzt ist alles anders | Dekan Thomas Guba
Gebetskerzen in der Kirche
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Jetzt ist alles anders …
Noch vor einer Woche war ich bei herrlichem Sonnenschein in Österreich. Urlaub, Erholung. Jetzt bin ich wieder in Berneck und in freiwilliger Quarantäne, bis zum 27.03.
So geht es vielen Menschen, alles ist anders in der „Corona-Krise“. Unsere Gottesdienste können nicht stattfinden, alle Gruppen und Kreise pausieren. Ab und zu sehe ich eine Kerze in der Kirche brennen, dann weiß ich, dass jemand da ist, der betet, der sich sorgt, der Ruhe braucht.

Ja, jetzt ist alles anders …
Mitarbeitende melden sich krank, nicht unbedingt wegen Corona; die Kindergärten haben zu, so vieles muss neu und anders organisiert werden.
Wie soll das weitergehen und vor allem wie lange? Ostern steht vor der Tür, für uns ein besonderes Fest.
Besuche zu Geburtstagen können nicht mehr gemacht werden. Wir sind zu Hause, abgeschottet. Das ist etwas, was die Wenigsten von uns mögen.

Ja, jetzt ist alles anders …
Ich denke mir, dass vieles anders werden muss. Unsere weltweiten Verbindungen sind schön, wir reisen und lernen fremde Menschen und Kulturen kennen, in der Krise werden sie zum Problem.
Erste Engpässe könnte es geben, so denken viele.

Ja, vieles muss anders werden und es wird anders. In Italien singen die Menschen von Fenster zu Fenster. Und auch bei uns kann der Zusammenhalt wachsen.
Nicht nur als Pfarrer und Dekan, sondern einfach als Mensch, der Christ ist, finde ich ein Bibelwort in diesen Tagen wichtig: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch“ 1. Petrus 5,7
In solchen Situationen kann ich nicht anders als darauf zu vertrauen, dass Gott sich sorgt. Ich wünsche es mir und ich wünsche es Ihnen. Mögen wir Gottes Sorge um uns spüren und unsere Sorgen aussprechen, hinausschreien. Das befreit uns. Hoffnung aber will ich auch behalten, ohne Frage.

 


Mo 23.03.2020 | Klopapier | Pfarrerin Mareike Krämer
Eine Rolle Toilettenpapier
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Haben Sie sich schon einmal gefragt welche Rolle Klopapier für Ihren Glauben spielt? Auf den ersten Blick wahrscheinlich keine, aber es gibt ein paar gute Gründe wieso Klopapier eigentlich ein ganz gutes Bild für unseren Glauben ist.

Erstens: Über Klopapier redet man nicht gerne. Jeder braucht es, jeder kauft es, aber oft legt man es etwas peinlich berührt in seinen Einkaufswagen. So als ob sein Gebrauch einem peinlich sein müsste oder als ob es ein Zeichen von Schwäche wäre. Damit ähnelt es dem Glauben. Menschen reden wenig über ihren Glauben, weil sie fürchten, dafür belächelt oder schief angeschaut zu werden. Der erste Grund.

Ein weiterer ist, dass Klopapier der große Gleichmacher ist. Egal welche Rolle ich in meinem sonstigen Leben spiele, für das Klopapier ist das egal. Alle die es brauche, kriegen es gleichermaßen. So verhält es sich auch in unserem Glauben: vor Gott sind alle Menschen gleich. Egal ob ich viel auf meinem Bankkonto hab oder eher wenig, ob ich ein großes Haus hab oder einen Wohnwagen, egal ob ich schwarz oder weiß bin, vor Gott macht all das keinen Unterschied.

Drittens: Klopapier nimmt man, um sauber zu werden. Wenn ich eh schon sauber bin, brauch ich es gar nicht. Dahinter steht ein sehr lutherischer Gedanke, denn Martin Luther sagt, dass es bei uns als Christen nicht darum geht, gerecht/sauber zu sein, sondern gerecht/sauber zu werden. Jesus sagt, er ist nicht zu den Gesunden geschickt worden, sondern zu den Kranken. Die, die Dreck am Stecken haben, die, die Vergebung brauchen, für die ist Jesus gekommen, um sie gesund/gerecht/ sauber zu machen.

Und last but not least ist das Schöne an Klopapier, dass man es einfach wegspült, wenn es seine Funktion erfüllt hat. Alles, was uns (und unseren Darm) belastet hat, verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Und so auch in unserem Glauben: wenn Gott uns unsere Sünde vergibt, dann ist die weg. Sie muss uns nicht mehr belasten, sondern wir dürfen darauf vertrauen, dass alles, was uns belastet hat, alles, was uns von Gott trennt, vergeben und vergessen ist.

Klopapier, ein Bild für den Glauben.