Glockenläuten – mehr als eine Zeitansage

Schwingende Glocke
Bildrechte: epd bild/Jens Schulze

In den Tagen der Coronakrise haben wir sie neu wahrgenommen: Unsere Kirchenglocken. Ob es nur daran lag, dass andere Geräusche durch die Ausgangssperre weniger zu vernehmen waren? Glocken gehören zu unserem Alltag – aber wir nehmen sie oft gar nicht (mehr) richtig wahr.

Zum Gottesgedenken

Warum wird überhaupt geläutet? Zum Gottesdienst natürlich, das ist eine zentrale Aufgabe von Kirchenglocken. Läuteordnungen, die örtlichen Traditionen folgen, regeln Details. Glocken läuten aber v.a. zum Gebet. Sie wollen uns, so mein Lehrer für Praktische Theologie, Prof. Dr. Manfred Seitz, „zu einem Gottesgedenken“ anregen und erinnern.

Gebet als Tagesrhythmus

Üblicherweise läuten Kirchenglocken täglich drei feste Gebetszeiten ein und geben dem Tag so einen Rhythmus: Um 8 Uhr (in ländlichen Regionen schon früher) läutet die Gebetsglocke (meist die größte Glocke) zum Morgengebet und erinnert zugleich an die Auferstehung Jesu Christi. „Mit Gott fang an, mit Gott hör auf, das ist der beste Lebenslauf!“
Mittags um 12 Uhr regt sie an, um Frieden zu bitten: „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten. Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.“ (Evangelisches Gesangbuch 421).

Abends, meist um 18 Uhr (im Sommer oft auch später), beendet sie das Tagwerk und fordert uns auf, den Tag in Gottes Hand zurückzulegen. Das Abendläuten erinnert uns auch an unsere eigene Endlichkeit:
„Ach, lieber Mensch, was mag‘s bedeuten, / dieses späte Glockenläuten? / Es bedeutet abermals unseres Lebens Ziel und Zahl: / dieser Tag hat abgenommen, / alsbald wird der Tod auch kommen; / drum, o Mensch, so schicke dich, / dass du sterbest seliglich. / Zähle deines Jesu Wunden, alle seine Leidensstunden. / Sei im Leiden guten Mut‘s,  / lass ab vom Bösen, und tue Gut‘s.“

Für uns und die Welt

Auch im Gottesdienst kommt die Betglocke zum Einsatz: Sie läutet, wenn die zum Gottesdienst versammelte Gemeinde das Vaterunser betet und mahnt die Menschen in Stadt und Land, die den Gottesdienst nicht besuchen: Jetzt wird in der Kirche das Vaterunser gebetet, sie lädt ein, in das Gebet des Herrn einzustimmen. Die Menschen sollen und dürfen wissen: Jetzt wird im Gotteshaus für uns und die Welt gebetet und in dieses Gebet sollen auch wir einstimmen.

So bezieht sich das Glockenläuten zwar in erster Linie auf die Gemeinde der Gläubigen, ist aber immer auch eine Einladung zum Mitbeten über diesen Personenkreis hinaus. Wenn die sogenannte Sterbeglocke (meist die zweitgrößte in einem Geläut) den Tod eines Gemeindeglieds anzeigt, dann ruft sie zugleich allen, die es hören, zu, dass dieser Tod kein individuelles Schicksal ist, sondern alle angeht.
Über das Glockenläuten zu den drei festen täglichen Gebetszeiten hinaus gibt es viele ortsübliche Läutetraditionen: So verkündet die Sterbeglocke freitags um 9 Uhr den Beginn der Kreuzigung Jesu und um 15 Uhr seinen Tod. Vielerorts wird am Samstagnachmittag der Sonntag „eingeläutet“: Ein Ruhetag für Leib und Seele.

Missbrauch

Leider wurde in der Vergangenheit auch Missbrauch mit Kirchenglocken getrieben: So läuteten sie am Beginn des 2. Weltkrieges z.B. bei jedem Sieg der deutschen Wehrmacht. Oder sie wurden für politische Zwecke instrumentalisiert. Der größte Missbrauch war, dass sie abgenommen und für Rüstungszwecke eingeschmolzen wurden. Anstelle an den zu erinnern, der allen das Leben schenkt, brachten sie als Kanonen Tod und Verderben. Wohl auch aus diesem Grund genießen Kirchenglocken in der Bundesrepublik besonderen staatlichen Schutz.

Work-Life-Balance

Ursprünglich riefen die Glocken die Mönche und Nonnen in den Klöstern zum Gebet und halfen ihnen, den Tag einzuteilen. Der Mönchsvater Pachomius fand, dass das Glockenläuten den Mönchen zu einem geregelten Tagesablauf hilft in dem eintönigen und abgeschiedenen Leben. Die Glocke unterschied die Phasen der Arbeit von den Phasen des Gebets. Papst Sabinian (604-606) verdanken wir, dass die Gebetszeiten der Mönche auch für Christen außerhalb der Klostermauern Geltung bekamen.

Hinter den Läutebräuchen heute steckt der gleiche Wunsch wie damals: Der Wunsch nach Struktur, nach Rhythmus, nach Einteilung des Tages. Die moderne „work-life-balance“, der Ausgleich zwischen Anspannung und Entspannung, Arbeiten und Beten, war für die Mönche durch das Glockenläuten gegeben.

Mehr als die Uhrzeit

Kirchenglocken sagen uns nie nur die Uhrzeit an. Sie erinnern daran, dass wir das Grundlegende nicht vergessen, was uns der Prediger Salomo lehrt:
Ein jegliches hat seine Zeit / und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: / geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit… / er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, / auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; / nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, / weder Anfang noch Ende… (Prediger 3)

Vielleicht denken wir daran, wenn wir das nächste Mal die Kirchenglocken läuten hören.

Ihr Dekan Jürgen Hacker