Andacht zur Jahreslosung: "Guten Flug?!"

Dekan Dr. Manuél Ceglarek
Bildrechte: privat

Endlich war es einem Zoo gelungen, ein seltenes Vogelpaar in einem Käfig heimisch zu machen. Das Paar hatte mehrere Jungen zur Welt gebracht. Als sie flügge werden sollten, machten sie keine Versuche, das gemütliche Nest zu verlassen. Sie saßen auf dem Nestrand, öffneten die Schnäbel und verlangten frech Futter. Die Eltern - unterstützt vom eifrigen Zoopersonal - schafften alles brav herbei. Schließlich waren die Kinder so schwer wie die Eltern und machten keine Anstalten fortzu-fliegen.

Wenn es in der Jahreslosung 2021 aus dem Lukasevangelium heißt: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“, ist es eine gute Frage, ob das Verhalten der Vo-geleltern und des Personals „barmherzig“ war.  „Barmherzigkeit“ meint für mich, offen für die Bedürf-nisse des anderen zu sein. War es jedoch das Bedürfnis der Vogelkinder im Nest zu hocken und unselbständig gefüttert zu werden?
Ein Verhaltensforscher kam der Sache auf die Spur: In freier Wildbahn finden die Eltern schwerer Nahrung für die Jungen. Der „Hintransport“ dauert somit ein wenig länger. Die Jungen werden hung-riger und gehen selbst auf die Suche nach Futter. Sie werden selbständig und verwenden frei ihre Flügel. Warum sollten sie auch unabhängig werden, wenn ihnen alles immer gleich serviert wird?

Für mich ist unser Leben spannend, weil Gott uns immer wieder die Freiheit lässt, die eigenen Flügel zu gebrauchen. Manchmal zwingt er uns auch zu dieser Freiheit. Er versorgt uns nicht rundum, son-dern erwartet von uns, dass wir seine Welt gestalten. Das ist Arbeit. Das fällt oft schwer und ist nicht einfach. Diese Freiheit zeichnet seine Barmherzigkeit aus: Er weiß, dass wir alle freie Vögel sind, die aber immer wieder ein schützendes Nest benötigen. Wir bleiben seine Kinder. Ich glaube selbst, völlig frei zu sein, bin dann aber wie ein Vogeljunges im Nest. In dem Moment der Not wird mich Gott nähren. Das gehört zur Barmherzigkeit dazu.

Als Familie beziehen unsere drei Töchter (von 7 Monaten bis 5 Jahren alt), meine Frau Theresa und ich unser neues „Nest“ in der Kirchengemeinde Bad Berneck und im großen Dekanat Bayreuth-Bad Berneck. Wir freuen uns auf viele neue Begegnungen und die Natur im Fichtelgebirge. Als Gemein-depfarrer liegt mir am Herzen, Menschen für unsere Kirche durch Gottesdienste oder Erwachsenen-bildung zu begeistern. Als Dekan des Nordens wird mein Herz dafür schlagen, das Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen im Auge zu haben, unterschiedliche Bedürfnisse zu verknüpfen und manchmal über den gemeindlichen Tellerrand zu schauen. Gott hat uns als Kirche viel Energie zur Freiheit gegeben. Die nahe Zukunft ist spannend. Energie geht nicht verloren, sondern verwandelt sich immer wieder in etwas Neues. Genau dies macht ihre Freiheit aus, denn wem viel gegeben ist, dem wird auch viel abverlangt. Vogel und Mensch sind sich hierin nicht unähnlich…

Ihr Dr. Manuél Ceglarek