Einführungspredigt von Dekan Jürgen Hacker am 2. Advent 2017

Liebe Gemeinde!

In den Jahren 1447/48 wird in den Annalen der Stadtkirche ein gewisser Hacker erwähnt, der bei Bau der Türme und am Westwerk mitgearbeitet hat.

Theodor Hacker war von 1894 bis 1900 vierter Pfarrer an der Stadtkirche. Eine Verwandtschaft zu beiden ließ sich bisher nicht nachweisen.

Nun also ein dritten Hacker, der hier wirkt.

„Alle guten Dinge sind drei“, sagt der Volksmund.

Wir wollen Gott heute darum bitten, dass ER mein Wirken segne zum Bau SEINES Reiches und zum Wohle SEINER Gemeinde.

 

Viele Gemeindeglieder und Mitarbeitende sind froh, dass die Vakanz ein Ende hat. Naturgemäß ist einiges liegengeblieben, das nun erledigt werden soll.

Möglichst schnell.

Im heutigen Predigttext aber werden wir zur Geduld aufgefordert. Geduld zu haben mit dem Advent Gottes.

Und bitte auch Geduld zu haben mit dem neuen Dekan und seinem Hineinwachsen in Amt und Aufgaben.

Geduld ist meistens nicht unsere Stärke.

Darum ist es gut, dass wir heute daran erinnert werden.

 

Das festliche Konzert ist zu Ende. Das junge Paar verlässt den Saal. Da kommt ein Bekannter auf die beiden zu. Er bemerkt, dass die Frau hoch schwanger ist. Er erkundigt sich höflich nach ihrem Befinden.

Dann sagt er:

„Sicher sind Sie schon oft gefragt worden, wann`s denn soweit ist“. „Noch sechs Wochen“, antwortet sie.

„Ein Christkind also“, fügt der Bekannte lächelnd hinzu.

Er versteht, dass für die beiden Mitte November schon längst ihr persönlicher Advent begonnen hat, das Warten auf die Ankunft des Kindes - neues Leben, Hoffnung und Vorfreude.

 

„Niederkunft“ sagte man früher dazu, wenn eine Frau ein Kind zur Welt brachte. Dieses altertümliche Wort umschreibt treffend die Adventsgedanken, die der Apostel Jakobus an eine uns unbekannte christliche Gemeinde richtet.

Advent ist für Jakobus die endgültige Ankunft des Herrn auf der Erde am Ende der Zeit.

Gottes „Niederkunft“ sozusagen auf immer und ewig.

Darauf gilt es, geduldig zu warten, und wie ein Bauer den Regen fallen und die Zeit ins Land gehen zu lassen.

Die kostbare Frucht ist längst schon angelegt. Sie muss noch reifen. Dann ist es soweit. Das Kommen des Herrn ist nahe.

 

Hören wir aus dem Jakobusbrief im 5. Kapitel die Verse 7 und 8:

So seid nun geduldig bis zum Kommen des Herrn.

Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde, und ist dabei geduldig,

bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.

Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen;

denn das Kommen des Herrn ist nahe.

 

Die Christen, an die der Apostel Jakobus schreibt, waren ungeduldig. Die Ankunft des Herrn, den Advent SEINER ewiger Herrlichkeit, hatten sie anfangs innig herbeigesehnt.

Jetzt aber war diese Sehnsucht, diese Hoffnung am Verblassen. Alltägliche Not prägte das Leben von vielen.

Soziale Spannungen zwischen Armen und Reicheren kamen dazu. Man war müde geworden.

Die erste Liebesglut des Glaubens drohte zu verglimmen.

Da ruft ihnen der Apostel Jakobus zu:

Seid geduldig - das Kommen des Herrn ist nahe!

 

Wie groß ist unsere Sehnsucht nach der Ankunft Gottes, liebe Mitchristen?

Sehnen wir uns noch nach einer besseren Welt, wie die Bibel sie verheißt?

Den meisten von uns geht es gut – gesundheitlich und materiell.

Die meisten Menschen in unserem Land haben, was sie zum Leben brauchen. Ja, oft viel mehr als das.

Auf das Kommen des Herrn am Ende der Zeit warten sie nicht unbedingt.

Zu weit weg und auch zu unbegreiflich ist uns diese Perspektive.

Zu lange schon wartet die Christenheit auf den Jüngsten Tag. Bis heute ist er nicht eingetroffen.

Zwar haben immer wieder einzelne Gruppen in der Ge-schichte der Kirche das Kommen des Herrn glühend herbeigesehnt und manchmal sogar gemeint, den Tag berechnen zu können.

 

Aber aufs Ganze gesehen hat sich schon im Neuen Testament eine andere Erwartung durchgesetzt.

Die Erwartung, dass mitten in unserem Leben hier und heute etwas spürbar wird vom Reich Gottes.

Jesus Christus hat ja mitten unter uns gelebt.

ER hat SEINE Spuren hinterlassen: Glaube, Hoffnung und Liebe.

Die Nähe Gottes hat ER verkündet.

Der Kranken hat ER sich erbarmt.

Den Weg des Leidens ist ER gegangen. Und hat damit gezeigt: Heiles Leben, Leben mit Gott ist möglich inmitten dieser unheilen, unfertigen Welt.

Und am Ende hat Gott selbst eingegriffen in dieses Leben und mit dem Ostermorgen ungeahnte neue Hoffnung geweckt: Die Hoffnung auf unvergängliches Leben jenseits des Todes.

 

Unsere Welt lebt, so verstehe ich den Apostel Jakobus, wie die junge Frau, von der ich zu Anfang sprach: In der Hoffnung auf die Ankunft neuen Lebens. Sie weiß nicht genau, wie das alles sein wird, aber sie freut sich.

Solche Freude hilft beim Warten.

Sie verleiht Geduld, bis es so weit ist:

Advent - Ankunft neuen Lebens - Neuwerden unserer Welt. Jetzt schon - und am Ende des Lebens/der Zeit.

 

Liebe Mitchristen,

aber es gilt eben auch: Wir warten nicht gerne.

Alles muss schnell gehen heute. Die Technik verwöhnt uns mit immer neuer Zeitersparnis.

Die Termine werden immer enger gesetzt.

Wartezeiten empfinden wir als lästig.

Geduldig sein fällt uns schwer.

Wir sind gewohnt, dass wir auf nichts mehr zu warten brauchen. Orangen nur in der Weihnachtszeit? Von wegen!

Erdbeeren nur im Sommer?

Nein auch im Winter, wenn es schneit.

Wozu und worauf warten?

Wir haben es verlernt. Verlernt, weil wir jederzeit alles greifbar bekommen.

An Dingen, die wir nicht sofort bekommen können, verlieren wir meist schnell das Interesse.

 

Manchmal freilich bleibt uns nichts anderes übrig, als zu warten und uns in Geduld zu üben. Der Kranke, der nur noch mit dem Spenderorgan eine Überlebenschance hat, sehnt die gute Nachricht herbei. Eltern können sich manchmal nur noch in Geduld üben, bis ihre Kinder wissen, wo ihr Platz im Leben ist.

So geht es auch dem Bauern, von dem der Jakobusbrief schreibt:

Er hat alles getan, was er konnte. Geackert, gesät und vielleicht gedüngt. Jetzt aber kann er nur noch warten.

Er hofft, dass der Same aufgeht, keimen und sich zur Frucht entwickeln wird. Ruhig und gelassen wirkt er, die Geduld in Person.

Woher nimmt er seine Hoffnung?

Den Frühregen und den Spätregen wartet er ab, so erzählt Jakobus und greift damit auf eine fast sprichwörtliche biblische Weisheit zurück. Sie weiß um die Treue des Schöpfers, der den Menschen verspricht:

„Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (1.Mose 8,22).

Später verspricht Gott SEINEM wandernden Volk den Frühregen und den Spätregen, wenn es SEINE Gebote hält (vgl. 5. Mose 11,13 f).

Im Bild des Bauern, der wartet auf den Frühregen und den Spätregen - in diesem Bild klingt also die Erfahrung mit, dass Gott SEINEM Volk die Treue hält. ER wirkt hinein in unser Leben. Lässt reifen und Frucht bringen - immer wieder. Zuverlässig.

 

Freunde haben mir zum Einzug Rosen für meinen neuen Dekanatsgarten geschenkt –im Jubiläumsjahr der Reformation natürlich „Lutherrosen“.

Auf dem Titelbild der entsprechenden Gärtnerei war ein Gärtner im Liegestuhl zu sehen. Er hat es sich mit einer Tasse Tee und einem Buch bequem gemacht. Neben ihm blüht die „Lutherrose“. Der Gärtner hat gegraben, gesät, gepflanzt, gegossen, gedüngt und gejätet – alles, was nötig war. Und nun ruht er aus. Er kennt den Rhythmus der Natur.

 

Alles hat seine Zeit. Arbeiten und ausruhen. Säen und wachsen lassen. Alles Menschenmögliche zum Gelingen hat er beigetragen.

Nun ist er auf Gottes Segen angewiesen. Tun, was zu tun ist und gleichzeitig wissen: Das Wesentliche geschieht im Verborgenen – ohne unser Zutun!

 

Wenn ich wieder einmal ungeduldig bin, dann erinnere ich mich gerne an die Geschichte jenes anderen Bauern, der nicht geduldig Früh- und Spätregen abwarten wollte.

In der Nacht geht er zum Acker und will beim Weizen nachhelfen. In mühevoller stundenlanger Arbeit zieht er Halm um Halm empor – Wachstumsbeschleunigung sozusagen.

Am nächsten Tag sieht er den Ertrag seiner Mühe:

Die Halme liegen verwelkt auf dem Feld.

Über so viel Dummheit können wir nur lachen.

Aber seltsam: Ich ertappe mich oft dabei, dass auch ich „nachhelfen“ möchte, damit Dinge und Menschen sich nach meinen Vorstellungen entwickeln.

 

Martin Luther schrieb einmal an seinen Freund Philipp Melanchthon: „Während ich hier sitze und ein Wittenbergisch Bier trinke, läuft das Evangelium von allein!“

Der Reformator war nach heutigen Maßstäben ein „Workaholic“ – ein „Arbeitstier“. Manchmal auch ein Getriebener. Und dennoch wusste er ganz genau:

Das Wesentliche kann ich nicht machen, das muss mir von Gott geschenkt werden.

Ich habe gepredigt, aber ob meine Worte Menschen bewegen und ihre Kraft entfalten werden, habe ich nicht in der Hand.

 

Liebe Mitchristen!

Die Adventszeit möchte uns einladen, uns in diesem inneren, achtsamen Warten auf Gottes Kommen zu üben.

Im Hauptbahnhof einer Großstadt laufen Tausende von Menschen durcheinander. Jeder will seinen Zug erreichen, Fahrkarten kaufen, Plätze reservieren, Gebäck aufgeben.

In der Vorhalle des Bahnhofs drängen sich die Menschen, überschlagen sich die Stimmen, machen Hast und Hektik sich breit.

Eine Frau führt ihren blinden Mann in eine kleine, stille Ecke abseits, lehnt ihn an eine Säule und sagt zu ihm: „Warte hier, ich komme wieder.“ Sie will ihm das Gewühl ersparen, besorgt die Fahrkarten, erkundigt sich nach Bahnsteig und Abfahrtszeit.

Währenddessen steht ihr Mann da, lächelt und wartet.

Er kann nichts tun. Er ist aber deshalb nicht aufgeregt.

Er steht da und wartet. Sie hat gesagt, sie komme wieder. Das ist seine Hoffnung. Er ist ein Wartender, hilflos und doch ruhig und gelassen. Seine Frau kommt ja wieder, nimmt ihn am Arm, sie gehen weiter.

Der Zug fährt ab. Sie erreichen ihr Ziel.

 

So ist das auch in unserem Leben. Jesus hat SEINER Gemeinde eine wunderbare Verheißung zurückgelassen: „Ich komme bald!“ (Apk. 22,20).

Jesus hat SEINE Gemeinde nicht allein gelassen.

ER besorgt die ganze Geschichte, und dann geht es weiter. Das Warten ist das Leichteste und das Schwerste.

 

Einfach nur warten, nichts tun können und doch voller Hoffnung und Gewissheit wach sein.

Vielleicht stehen wir in einer schwierigen Situation, einer Krankheit oder Einsamkeit, einer Sorge oder Angst, einer Trauer oder Verwundung. Wir können nichts tun als warten. „Herr, ich warte auf dein Heil!“

Aber Gott handelt, ER besorgt die Dinge, die wir brauchen. Wenn wir auch im Moment nichts tun können, geschieht doch etwas. Gott lenkt die Geschicke unseres Lebens und der Welt. Uns bleibt die Hoffnung und frohe Gewissheit, Jesus kommt und führt uns weiter – so wie die Frau ihren blinden Mann.

Jesus sorgt für uns und führt uns zum Ziel.

(zitiert nach: Überlebensgeschichten für jeden Tag, 15. Dezember)

 

Liebe Mitchristen!

Die Adventszeit möchte uns einladen, uns in diesem inneren, achtsamen Warten auf Gottes Kommen zu üben.

Gottes Nähe im Leben Jesu zu entdecken.

Gottes Nähe im eigenen Leben zu erfahren.

Wir tun, was wir können, damit unser Leben gelingt.

Aber reifen und Frucht bringen wird es nur, wenn Gott zu uns kommt, mit uns geht und uns den Weg bahnt.

Solch achtsames Warten auf Gottes Kommen beginnt zum Beispiel im Gebet.

Die ineinander gefalteten Hände erinnern an den Bauern, der seinen Acker entlang geht und nur noch geduldig warten kann.

 

Geduld heißt ja nicht, die Hände in den Schoß legen, heißt nicht, in Trägheit und Untätigkeit verfallen und alles laufen lassen, wie es läuft.

Der Bauer, der auf Früh- und Spätregen wartet, war ja vorher aktiv. Er hat den Acker vorbereitet – er hat gesät und gepflanzt.

Die ineinander gefalteten Hände erinnern daran, dass Gott uns die Hände wieder öffnen lässt und zupacken, wo wir doch etwas tun können an SEINER Seite.

Das Kommen Gottes kann sich unter uns erfüllen in unserem Alltag. Gott wird kommen, wo immer wir IHN erwarten:

In einer schwierigen Entscheidung.

In der Sorge um einen Menschen.

In der Suche nach einem Ausweg.

 

In diesen Tagen erreichte mich ein Schreiben zum Amtsantritt. Daran stand: „Lieber Herr Dekan Hacker, ich weiß nicht, ob ich Sie beglückwünschen oder ob ich Sie bedauern soll. Das Amt, das Sie antreten ist entweder die Vorstufe zur Hölle – oder zum Oberkirchenrat!“

Ich wünsche mir, dass dieses Amt und mein Wirken dazu beitragen, dass wir miteinander ein ganz kleines Stück Himmel auf Erden verwirklichen können.

 

Liebe Mitchristen, lasst uns miteinander eine offene, menschliche, fröhliche und missionarische Kirche bauen, die nicht immerfort um sich selber kreist und ständig nur auf Zahlen schaut.

Die nicht deprimiert ist oder in bloßen Aktionismus verfällt, wenn die Austrittszahlen zunehmen. Die nicht zu Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit neigt, wenn die Eintrittszahlen steigen, die Kirchensteuer sprudelt und alles „rund läuft“.

 

Lasst uns, wie der Bauer, den der Apostel Jakobus vor Augen hat, getrost den Samen des göttlichen Wortes aussäen und dann geduldig warten und darauf vertrauen, dass Gottes Wort nach SEINEM Versprechen nicht leer zurückkommt.

Und lasst uns, in Anlehnung an Martin Luther, dann auch einen guten Schluck Bayreuther Bieres munden.

 

So wird Advent zu einer Erfahrung, die hinausreicht über vorweihnachtlichen Kerzenschein und die alljährliche Sehnsucht nach Ruhe.

Und auf den großen Advent, das Kommen des Herrn am Ende der Tage zu warten, - auch darauf möchte ich nicht verzichten, auch wenn er uns zu fern erscheinen mag.

Auf Gottes endgültiges Kommen zu warten - dafür möchte uns die Bibel mit wunderbaren Bildern gewinnen:

 

Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen.

Die Schwerter werden zu Pflugscharen umge-schmiedet.

Gott wird abwischen alle Tränen von unseren Augen.

Der Tod wird nicht mehr sein.

Neu wird alles werden.

 

Liebe Mitchristen,

lasst uns im biblischen Sinne geduldig sein, auf Gottes Advent warten, und zugleich gemeinsam mitarbeiten am Bau SEINES Reiches, überall dort, wo ER uns hingestellt hat und braucht:

In den Kirchengemeinden und in unserem neuen Dekanatsbezirk, bei der Diakonie, in der Seelsorge und der Kirchenmusik, bei den vielfältigen Angeboten für Jung und Alt.

 

„Alle guten Dinge sind drei“, sagt der Volksmund.

Der Bauer erwartet den Früh- und den Spätregen.

Und was ist das Dritte?

Vielleicht hat es Jakobus nicht erwähnt, weil es für ihn – wie für die Menschen im Nahen Osten – ganz selbstverständlich war und ist: Der Sonnenschein.

 

Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ; das, was mich singen machet, ist was im Himmel ist. (EG 351,13)

 

Dieser verheißenen Zukunft können wir voll Erwartung und Freude entgegengehen. Wie der Bauer wartet auf den Regen, so warten wir auf Gottes Kommen in unser Leben: jetzt in dieser Adventszeit

und an jedem Tag unseres Lebens

und in Ewigkeit.

Amen

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen